Fragen an PD Dr. med. Keti Vitanova

1. Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass ein befristetes Arbeitsverhältnis nach Bekanntgabe einer Schwangerschaft verlängert wird?

Leider ist die Wahrscheinlichkeit nicht sehr hoch. Ich würde mir wünschen, es wäre anders. Die befristeten Arbeitsverhältnisse sind prinzipiell ein Problem, nicht nur in Hinblick auf Schwangerschaften. Die unzähligen Einschränkungen, die mit einem befristeten Vertrag einhergehen, stellen eine große Herausforderung dar, besonders in der Entwicklung der Frauen in wissenschaftlichen Bereichen. 

Meines Erachtens wäre es eine sinnvolle Lösung, mithilfe einer gesetzlichen Regelung Arbeitnehmer daran zu hindern, befristete Arbeitsverhältnisse beliebig oft zu verlängern, bevor eine Entfristung erreicht wird.

2. Viele erfolgreiche Frauen sagen heute, sie würden sich diskriminiert fühlen, wenn ab sofort Frauen durch Quoten, etc. in Positionen „gehoben“ werden, für die sie selbst früher hart haben arbeiten mussten. Wie begegnen Sie solchen Argumenten?

Ich bin derselben Meinung. Ich würde keine Position wollen nur, weil ich weiblich bin. Jede Person sollte Klarheit über die eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten haben. Diese sollten die Beförderung begründen, nicht das Geschlecht.

3. Wie können wir bei Diskussionen wie heute mehr Männer mit ins Boot holen?

Indem die Einladung für die eine Veranstaltung wie „Science is female“ nicht nur an ein bestimmtes (weibliches) Kollektiv verschickt wird; hilfreich wäre mit Sicherheit auch mehr und vor allem zielgerichtetere Werbung, Social Media-Links zur Anmeldung, TV-Ausstrahlung, proaktive Medieneinladungen für ein gemeinsames Come-Together etc.

4. Würden Sie raten, „Konkurrenz“ und „Neider“ auszublenden oder kann es auch eine Stärke sein, sie im Auge zu behalten? 

Konkurrenz und Neider auszublenden ist naiv und kann zu großen Enttäuschungen, Unzufriedenheit und Selbstzweifel führen. Es muss einem bewusst sein, dass es auf dem Weg nach oben immer Konkurrenz und auch Neid geben wird. Das sollte einen aber nicht verletzen oder aufregen und darf auf keinen Fall die eigenen Leistungen beeinträchtigen. Man sollte diese Tatsache einfach akzeptieren und weitermachen!

5. Welche Bildungsmöglichkeiten machen Sinn, um das Thema Männern näher zu bringen und eventuell mögliche Ängste auf Seiten der Männer zu verringern? 

Ich bin mir nicht sicher, ob dafür Bildungsmöglichkeiten notwendig sind. Ich würde einfach knallhart versuchen, die Strategie „ungender your mind“ umsetzen. Entschlossenheit ist dafür notwendig!

6. Wie denken Sie, kann eine kulturelle Veränderung gefördert werden, dass Männer mehr Care-Arbeit übernehmen und dies zumindest nicht mehr negativ (z.B. vom Arbeitgeber) bemerkt wird?

Die Unternehmen müssen familienfreundlicher werden. Es ist bereits jetzt gesetzlich geregelt, dass eine Person, die aus diesem Grund ausfallen würde, nach der Rückkehr ein Recht auf die gleiche Stelle hat. Eine kleine wissenschaftliche Studie zeigte auch, dass in der Bewerbungsphase eine in einem früheren Job genommene längere Elternzeit bei den Männern keinen negativen Einfluss auf ihre zukünftigen Bewerbungen hatte.

Nichtsdestoweniger  bin ich mir sicher, dass es Männer in solchen Situationen prinzipiell schwer haben, vielleicht sogar schwerer als Frauen. Es muss gesellschaftliche Normalität werden, dass Elternzeit für beide Geschlechter obligatorischer Teil ihres Berufslebens wird, damit dadurch einerseits eine faire Lastenverteilung erreicht werden kann, und andererseits eine Stigmatisierung der einzelnen Geschlechter beendet wird. Die traditionelle Rollenverteilung spielt hier noch immer eine große Rolle. Sobald es mehr Männer gibt, die darauf bestehen, ebenfalls Elternzeit zu nehmen, wird sich das gesellschaftliche Bild über „Normalität“ verändern. Ein zweiter wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist, dass Frauen diese Entwicklung zulassen sollten. Wir Frauen müssen  uns von dem Gedanken verabschieden, dass nur wir die Kindererziehung wirklich richtig könnten. Diese Kompetenz gehört nicht uns allein. Das Kind braucht jemanden, der sich um seine  Versorgung und Erziehung mit Liebe, Hingabe und Wärme kümmert. Ich verstehe nicht, warum dieser Jemand unbedingt eine Frau sein muss.

7. „Fixing the Women“ impliziert, dass bei Frauen etwas nicht stimmt (+sagt sehr viel aus, im negativen Sinn). Sollte es nicht heißen „Fixing the System“ und sollte nicht das männlich dominierte System „Awareness“ lernen?

Absolut! Ich ignoriere komplett diesen Begriff, es gibt nichts zu fixen bei den Frauen. Sobald in einer Gesellschaft das als aktuelles Thema erscheint, muss man sich fragen ob das Problem tatsächlich nicht in dem System liegt. Absolut! Ich ignoriere komplett diesen Begriff, es gibt nichts zu fixenbei Frauen. Sobald in einer Gesellschaft das als aktuelles Thema erscheint, muss man sich fragen, ob das Problem tatsächlich nicht eher im  System liegt.

Awareness zu lernen beeinhaltet aus meiner Sicht dreierlei: weibliche Personen können (biologisch bestätigt), dürfen (gesetzlich unterstützt) und sollen (es gibt nichts zu hinterfragen) männerdominierte oder sogar „typisch männliche“ Berufe ausführen und führende Positionen übernehmen. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. 

Die andere Seite ist ein Durchbrechen männlicher Seilschaften. Ziel muss es doch sein, dass eine Frau, die in ihrer Erscheinung, ihrem Auftreten und ihren Fähigkeiten nicht stereotype Muster bedient, genauso fair behandelt wird, wie jeder oder jede andere auch. Und wenn diese Frauen am Ende einfach als Konkurrentinnen betrachten werden würden, einfach als Menschen mit bestimmten Fähigkeiten und eigenem Charakter, komplett geschlechtsneutral, so wäre das System eventuell auf einem guten Weg.